Der Ausflug
Erlebnisse vom Abheben und Zurückkommen

von Manfred R. Siegl

Die Faszination des Fliegens einerseits - die Erde ein klein wenig verlassen zu können und in Bereiche vorzudringen, in denen man einen Hauch von Pioniergeist erfährt - aber auch der Wunsch, sich von den vielen Mitmenschen herauszuheben und ein bisserl etwas besonderes zu sein, waren die Triebfeder für die im folgenden beschriebenen Erlebnisse.


Der erste Hüpfer

Es war irgendwann Anfang der 80-er Jahre, da lud mich mein Studienkollege Rudi zu einem Ausflug zum Ötscher ein. Wir besuchten dort Fred Danneberg, der abgesehen von Schafzucht, eine Hägegleiterschule betrieb. Nach einer kurzen theoretischen Einleitung hatten wir die Möglichkeit, auf der Übungswiese ein paar Schnupperhüpfer zu machen.

Die dabei zur Verfügung stehenden Fluggeräte waren schon für die damalige Zeit recht alt, aber für Schnupperhüpfer sollte es reichen. Nach einer kurzen Aufwärmrunde schleppte ich den Drachen den Übungshang hinauf. Nach einer Verschnaufpause bereitete ich mich auf den nächsten Versuch vor - Gurtzeug kontrollieren, im Drachen ordentlich einhägen, Helm aufsetzen, in Position stellen.

Dann ging es los. Ich lief so schnell ich konnte mit dem schweren Drachen in den Händen den Hang hinunter. Irgendwann konnte ich nicht mehr schneller und überließ mich dem Drachen. Das bedeutete, daß ich mehr auf den Rädern als durch die Tragfläche gehoben, die Wiese hinunterfuhr. Das ging so - beinahe den ganzen Nachmittag.

Doch dann, gelang es mir einmal doch abzuheben. Ich habe keine Ahnung mehr, was ich anders machte. Man läuft und plötzlich sackt der Boden unter den Füssen weg. Nicht etwa, daß man abhebt, nein, der Boden sackt nach unten weg. Ohne so richtig damit zu rechnen (die ganze Zeit rollte ich nur den Hang hinunter) hatte ich plötzlich 5 Meter Luft unter meinen Füssen.

Ich verhielt mich natürlich total falsch und drückte den Bügel; anstatt durch leichtes Ziehen die notwendige Geschwindigkeit für eine saubere Strömung um die Tragfläche herum zu erhalten. Dadurch riß die Strömung ab und ich nickte nach vorne unten. Wieder landete ich rollend auf den Rädern.

Dieses Erlebnis, daß die Erde einfach wegsackt war sehr ergreifend und ich erinnere mich noch heute sehr genau an diesen einen Augenblick, an dem ich der Erde das erste Mal entflohen bin.

An diesem Frühlingstag nahm ich mir vor, im folgenden Sommer diesen Sport zu erlernen. Dazu kam es nicht. Rudi machte damals die notwendigen Schulungen und Prüfungen und übte die Fliegerei lange aus.



Die Entscheidung

Viele Jahre nach dem ersten Kontakt mit einem Drachen - ich war in der Zwischenzeit verheiratet, hatte mein Diplom-Studium erfolgreich abgeschlossen und auch der Kontakt zu Rudi war schon seit Jahren verlaufen, lenkte der Zufall neuerlich mein Interesse auf die Drachenfliegerei.

Es war auf der Ferienmesse im Februar, als wir, meine Frau und ich, an zwei Ständen vorbeikamen, wo Flugsport angepriesen wurde. Es wurde bei einem Paragleiten, beim anderen Hängegleiten als das einzig Wahre hervorgehoben.

Para- oder Hängegleiten? Das ist hier die Frage.

Mit Hilfe verschiedener Fachzeitschriften zum Thema versuchte ich mir ein Bild von diesen beiden Flugarten zu machen. Dabei mußte ich sehr rasch feststellen, daß jede der Flugarten Vor- und Nachteile hat. Obwohl das Hängegleiten ursprünglich einen aggressiven Eindruck auf mich machte und das Paragleiten so majestätisch wirkte, kam ich zu dem Schluß, daß die Gefahren beim Hängegleiten wesentlich geringer sind. Deshalb entschloß ich mich, einen Kurs zu besuchen, um Hängegleiten zu erlernen.




Der große Lauf

Von einer universitätsnahen Sportorganisation wurde ein Kurs bei Wolfgang Zach auf der Hohen Wand (Nähe Wiener Neustadt) vermittelt. Ich meldete mich an und, als die Zeit gekommen war, machte ich, unter Anleitung von Daniel Krulik, meine ersten Laufübungen mit einem Hängegleiter. Die Lernphase dauerte relativ lang, da die Windverhältnisse während des Kurses sehr häufig nicht geeignet waren. Nach mehr als einem Monat hatte ich am Übungshang genug Erfahrung gesammelt, um meinen ersten Höhenflug absolvieren zu können.

Es war ein Freitag Vormittag, als das Wetter einen Schulungsflug zuließ. Auf der Hohen Wand, dort fand die Aktion statt, gibt es zwei mögliche Startplätze. Der Osthang ist eine etwa 45 Grad steile lange Wiese, von Bäumen eingesäumt; dem Südplatz folgt auf einen kurzen Anlauf eine etwa 300m tiefe Klippe. Wolfgang Zach, der Fluglehrer, stelle es mir frei, welchen Startplatz ich nehmen will. Er gab mir noch die Hinweise, daß der Ostplatz relativ flach ist und ich dort ordentlich laufen muß, wo hingegen der Südplatz eine Nervensache ist. Da ich kein besonders guter Läufer bin, wählte ich den Südplatz. Ich dachte mir, das mit der Nervensache wird schon nicht so schlimm sein.

Als ich dann, nach dem Aufbau und dem Kontrollieren des Fluggeräts, fertig am Startplatz stand, bekam ich, als die Windverhältnisse meinen Start zuließen, die Anweisung (ab hier beginnt die Sache mit den Nerven):

"Es paßt alles, du kannst jetzt (über die Klippe) rausrennen."
" -- Meinst du wirklich?"
"Wenn du dich nicht traust, dann dreh' dich um, pack' zusammen und fahr' wieder nach Haus."
Das konnte ich vor mir und der Welt, aber vornehmlich vor mir selbst, nicht machen. Also nahm ich den Hängegleiter in die Hand, balancierte ihn nach Anweisung von Wolgang Zach aus und nach seinem OK rannte ich los.


Mit einem Schlag kehrte sich die Welt um. Nicht mehr der Drache war jetzt schwer, sondern ich. Nicht mehr ich hielt den Drachen in den Händen, sondern der Drache trug mich. Und mit einem Schlag war kein Boden mehr unter meinen Füssen. Nur noch sehr, sehr viel Luft. Für meinen damaligen Geschmack fast ein bisserl zu viel Luft.



Ich hatte zwar versucht, mich mental ein wenig darauf vorzubereiten, in dem ich mir sagte, ich werde nicht über dem Boden sein, sondern in der Luft; und da spielt der mehr oder weniger große Abstand zum Boden eine untergeordnete Rolle, doch unmittelbar nach dem Start, wenn man dann wirklich in der Luft ist, hatte ich doch ein klein wenig Sehnsucht nach dem Boden.

Ich hörte mich ganz zaghaft sagen: "I' wü' do obe."

Glücklicherweise hatte ich nur einen Funkempfänger mit, sodaß ich zwar alle Anweisungen von Wolfgang Zach hörte, er aber mich nicht hören konnte. Damals wäre mir obige Aussage ein bisserl peinlich gewesen.

Wolfgang Zach gab genaue und gute Anweisungen, wenn gleich ich ein paar Probleme mit der Umsetzung hatte. So sollte ich z.B. eine Linkskurve einleiten. Dazu ist u.A. der Körperschwerpunkt nach links zu versetzen. Ich drehte also meinen Oberkörper nach links - und wie von selbst drehten sich meine Beine nach rechts. Damit kam es natürlich nicht zur gewünschten Schwerpunktsverlagerung. Nach einer passend deftigen Meldung von Wolfgang erkannte ich meinen Fehler und beim zweiten Versuch klappte es dann wesentlich besser.

Vor ein schier unlösbares Problem stellte er mich allerdings, als er mich anwies, von den (seitlichen) Trapezrohren auf die Basis (unten) umzugreifen. Dazu muß man, wenn auch nur kurzfristig, loslassen. Nach einmal kräftig durchatmen und mit Zähne zusammenbeißen gelang mir aber dann auch das.

Nachdem ich den Anweisungen von Wolfgang Zach exakt folgte, flog ich Linkskurve um Linkskurve; und so war auch die Landung kein großartiges Problem. Kurz vor dem Bodenkontakt war noch eine Straße zu überfliegen, an deren Rand ein Hase saß, der schaute mich groß an. Normalerweise sehe ich wilde Hasen nicht aus 8 Meter Höhe.



Ein Sonnenuntergang von oben

Es war der 7 Höhenflug, als der Wind vom Südosten mit etwa 15 bis 20 km/h gegen die Hohe Wand bließ. Ich hatte bereits einen eigenen Drachen gekauft und mich mit ihm ein wenig angefreundet. Er bekam den Namen Petaludi. Das ist aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet Schmetterling.

Ich startete am Abend, als der Wind nicht mehr zu stark und böig war, aber dennoch kräftig genug, daß ich mit meinem hohem Gewicht (damals hatte ich etwa 100 kg) genug Aufwind erfuhr und nicht nach 5 Minuten Gleitflug am Landeplatz in der Neuen Welt am Fuße der Hohen Wand, etwa 450m tiefer, wieder Boden unter den Füßen hatte. Damals besaß ich noch kein Variometer, das mir sagen hätte können, ob ich steige oder sinke. Die Bedingungen waren aber so gut, daß ich auch ohne dieses Hilfmittel Höhe halten konnte. Heute halte ich jede Fliegerei ohne Variometer für sinnlos, da keinerlei vernünftige Grundlage für Entscheidungen vorliegt.

Da es schon Abend war, ging auch die Sonne langsam unter. Aufgrund der Startüberhöung von vermutlich 150 Meter konnte ich den herrlichsten Sonnenuntergang genießen, den ich je erlebt habe. Dabei spielte sicherlich das Faktum, den Sonnenuntergang während meines Fluges bewundern zu können, eine wesentliche Rolle.


 

Als die Sonne schon vollständig am Horizont verschwunden war, und die anderen Fliegerkameraden so nach und nach zur Landung ins Tal flogen, bereitete auch ich mich auf das Ende dieses Fluges vor. Die Landung war problemlos und verlief, wie die meisten meiner Landungen, auf den Rädern. Durch Radlandungen wird zwar der Gurtsack am Bauch und Brustkorb schmutzig, aber auf einer halbwegs ebenen Wiese ist es die ungefährlichste Art, einen Flug abzuschließen.

Am Ende eines abendlichen Flugs ergab sich häufig auf der Landewiese eine sehr schöne Stimmung. Nicht nur, daß meist ein sehr hübscher Abendhimmel das Auge erfreute, es stellte sich häufig auch ein Glücksgefühl ein, das ich in dieser Form kaum sonst erlebt habe. Es scheint eine Mischung aus Zufriedenheit über einen schönen Flug und einer geglückten Landung gewesen zu sein. Weiters, so vermute ich, spielt auch die Entspannung eine wichtige Rolle, die sich einstellt, nachdem ich während des Fluges eine halbe oder ganze Stunde voll konzentiert war und keinen Augenblick unaufmerksam war - nicht sein durfte - und nach der Landung mich absolut entspannt einfach ins Gras legen und die Seele baumeln lassen konnte. Eine ganz tiefe Entspannung gelingt nur, wenn es zuvor eine hohe Anspannung gibt.



Starker Wind beim Landen

Der Wind war kräftig und nicht böig. Es war auch für mich möglich, lange in der Luft zu bleiben. Es war ein wunderbarer Sonnenuntergang, wie man ihn in Wien und Umgebung sonst nicht sehen kann.

Als die Sonnenscheibe unter dem Horizont verschwunden war, setzte die Dämmerung ein. Nach und nach flogen die anderen Drachen ins Tal um zu landen. Es waren mehr als ein Duzend Drachen in der Luft und daher galt es sich für die Landung 'anzustellen'.

Von oben sah ich, wie ein anderer Drache kurz vor der Landung noch einen vollen Kreis flog. Dabei wurde er durch den stärker gewordenen Wind derart viel abgetragen, sodaß er die Landewiese gerade noch erreichte. Es waren aber nur wenige Meter zwischen seinem Landepunkt und der Straße mit dem Straßengraben.

Ich dachte mir, einen derart weiten Kreis will ich nicht fliegen, damit es bei mir nicht auch so knapp wird. Mein letzter Kreis sollte daher wesentlich enger sein. Allerdings hatte ich dabei nicht bedacht, daß ein jeder Vollkreis einfach seine Höhe kostet. Wenn man im weiten Bogen fliegt, dann wird man weiter abgetragen, bei einem engeren Kreis, wird die Höhe dafür viel schneller abgebaut.

Der Baum, den ich bei der Landeeinteilung so gerne als Anhaltspunkt verwendete, wurde bei dem von mir geflogenen Vollkreis derart rasant größer, daß es mir durch den Kopf schoß: "Jetzt ist es aus."

Glücklicherweise war es nicht aus und eine Außenlandung auf dem unmittelbar neben dem Baum befindichen Feld beendete den Flug. Es war, wie bei mit üblich, eine Radlandung.

Meine Rechnung ging nicht auf, dafür war ich um eine Erfahrung reicher.



Der Klaviertag

Dieser Teil der Geschichte ist erst in Aufbearbeitung und wird daher später nachgereicht.

Vorweg nur so viel: Ein Klaviertag ist ein Tag, an dem der Aufwind derart kräftig ist, daß ein Klavier, das man in 1000 Meter Höhe schleppt (mit dem Schleppflugzeug) und ausläßt, alleine weiter fliegt und oben bleibt.



Die Begegnung

Wir besuchten meine Onkel im Ybbstal. Das Hochkar ist nicht weit von seinem Haus. Am Vormittag wollte ich einen Flug von einem Übungshang in der Nähe absolvieren. Leider begann es leicht zu regnen und ich mußte mein Vorhaben abblasen.
Am Nachmittag besserte sich das Wetter und ich beschloß, vom Hochkar zu starten. Nach dem ich mir die Landewiese angesehen hatte (dort gab es einen Windsack von einer Größe, wie ich mir Windsäcke auf allen Landeplätzen gewünscht hätte), fuhren wir zum Startplatz. Außer uns, einem Fahrer, meine Frau und mir, war niemand anwesend. Der Wind kam vom Süden und war etwas heftiger, als ich es mir gewunschen hätte. Außerdem blies der Wind den Nebel aus dem Tal herauf und auf den ersten Blick war die Sicht eher bescheiden. Nach genauerer Beobachtung bemerkte ich aber, daß, wenn der Nebel ein ganz klein wenig aufriß, ich bis zum relativ weit entfernten Berg auf der gegenüberliegenden Seite der Enns sehen konnte. Ich schloß, daß der Nebel ein sehr lokales Phänomen ist und sehr wahrscheinlich ein bisserl weiter draußen herrliches Wetter sein muß, so wie es im Tal bei der Landewiese auch der Fall war.


Es war nur mit zwei Helfern möglich zu starten. Nach nicht einmal zwei Schritten hob ich ab und gleitete hinaus. Gleich nach dem Überfliegen des ersten Bergrückens befand ich mich im herrlichstem Wetter; kein Nebel, kein starker Wind nur noch wunderbarer Sonnenschein.

Da ich das Gelände nicht kannte, versuchte ich ohne irgendwelche Umwege, die Landewiese zu finden. Sie ist vom Start aus nicht zu sehen und man muß einige Bergrücken überfliegen, bis man sie erreicht hat.

Plötzlich sah ich, wie ein Bussard auf mich zukommt. Leicht links von mir kommt der unscheinbare Punkt unaufhörlich näher und zwei scharfe Augen mustern mich. Er mit leichtem Steigen, kein Flügelschlag, ich mit leichtem Sinken, ebenfalls kein Flügelschlag - begegnen sich zwei Wesen aus unterschiedlichen Welten in etwa 600 Meter Höhe über meinem späteren Landeplatz.

Bei der Landung probierte ich eine Methode aus, die, so wurde mir erzählt, von Wolfgang Zach verwendet wird. Um Höhe abzubauen ging er in einen extremen Langsamflug über und nahm dann, kurz vor dem Stall (Strömungsabriß) wieder Fahrt auf. Dadurch wird auf relativ kurzer Strecke Höhe abgebaut.

Die Landewiese ist wirklich derart groß daß es nicht möglich ist, nicht auf ihr zu landen. Es war dies mein erster Flug in einem fremden Fluggebiet. Ein sehr spannender und sehr schöner Flug.

Oben bleiben

Die erste Top-Landung

0,1 m/s

Trotzdem ich bereits deutlich unterhalb der Kante war, gelang es mir noch 90m Startüberhöung zu erreichen und den Flug nach 45 Minuten mit einer Toplandung abzuschließen.

Auf diesen Flug war und bin ich sehr stolz.

Die letzte Landung - Der Schlußpunkt

Es war Kaiserwetter.

Eine Tagung Ende April 1998 in Leoben nahm ich zum Anlaß um meinen Arbeitskollegen und Freund Peter in dessen Heimatort Mühlen in der Obersteiermark, am Fuße des Zirbitzkogels, zu besuchen. Das verlängerte Wochenende sollte seinen Höhepunkt mit einem Flug an diesem Berg erhalten.

Aus Berichten wußte ich, daß unterhalb der Tonnerhütte in 1650 Meter Seehöhe ein für Hängegleiter geeigneter Startplatz ist. Von dort wollte ich ins Tal nach Mühlen gleiten.

Vormittags nahm mich Peter auf einen Flug mit dem Motorsegler mit. Dabei schauten wir uns das Fluggebiet für den Hängegleiterflug am Nachmittag an. Es war ein 25-minütiger Rundflug von Friesach zum Zirbitzkogel und retour. Wie üblich bei Motorsegelflügen, war mir nach 20 Minuten schlecht. Aber da war der Flug glücklicherweise beinahe schon zu Ende.

Am frühen Nachmittag fuhren wir dann nach Mühlen um einen geeigneten Landeplatz zu finden. Die sehr grosse Wiese neben dem Sportplatz schien sehr geeignet. Von dort ging es dann weiter zur Tonnerhütte. Der Wind war relativ stark. Das störte mich nicht, im Gegenteil, ich vermutete, daß die Flugdauer dadurch länger werden könnte.

Der Aufbau des Flugdrachens verlief problemlos. Dann ging ich zum ausgewählten Startplatz. Nach kurzer Besinnung und Verschnaufpause, startete ich. Ich mußte relativ lange anlaufen und als ich abhob, ging es relativ lange nahe dem Boden entlang dahin. Dann erfaßte mich ein dynamischer Aufwind und trug mich hoch hinauf. Ich erreichte dabei annähernd wieder Starthöhe. Bei diesem Ansteigen verlor ich allerdings so viel an Geschwindigkeit, daß es zu einem Strömungsabriß kam. Die Nase senkte sich und ich nahm rasch hohe Fahrt auf. Allerdings blies mich in dieser Phase der Wind, von mir unkontrollierbar dort hin wohin er wehte. Durch den Höhenverlust sah ich mich auf einmal mit dem Problem konfrontiert, einer Unzahl an hohen Bäumen auszuweichen. Die standen in jener Gegend herum, in die ich eigentlich nicht wollte, auf die ich mich aber gerade sehr schnell zubewegte.. Ich hatte die Optionen, entweder zwischen diesen Bäumen irgendwie hindurchzufliegen oder auf einer Wiese, mit etwa 45 Grad Neigung, eine Notlandung zu versuchen.

Ich entschied mich für die Notlandung. Wenn beim knappen Vorbeiflug beziehungsweise beim knappen Überflug der Bäume nicht alles genau so verläuft, wie ich es mir wünsche, und der Wind war augenblicklich für mich nicht wirklich genau einschätzbar, so würde ich wahrscheinlich nach einem Baumkontakt während des Fluges aus vielleicht 30 oder 40 Meter Höhe geradeaus runterfallen. Das Risiko war mir zu hoch. Aus mehreren Erzählungen war mir bekannt, daß Piloten nach einer Baumlandung dadurch ums Leben kamen, weil sie danach einfach runterfielen.

Also in Richtung Hang.

Bei Rückenwind und daher viel zu schnell kam der Boden näher und ich versuchte rechtzeitig die Nase raufzustellen, um die Geschwindigkeit abzubauen. Das gelang mir nur zum Teil und ein eher harter Aufschlag beendete das Abenteuer. Mein Freund Peter berichtet, daß der Zeipunkt des Bodenkontakts deutlich zu hören war.

Bei dem Crash verbogen sich beide Trapezrohre um einen Winkel von mehr als 90 Grad. Ich hatte einen qualitativ sehr guten Helm mit Kinnschutz und eine Sportbille aus Kunststoff (kein Metall und kein Glas) auf. Beidem schreibe ich zu, daß ich abgesehen von einigen Prellungen und einer Gehirnerschütterung keine weiteren Schäden erlitten habe. Dadurch, daß sich die Trapezrohre derart stark verbogen hatten, glücklicherweise waren sie nicht gebrochen, denn scharfen Bruchkanten können sehr schwere Verletzungen verursachen, war es möglich, daß es mir das rechte Landerad in den Magen schlug. Die Kopfschmerzen aufgrund der Gehirnerschütterung waren nicht so stark, hielten dafür etwa 2 Wochen an, als die Bauchschmerzen unmittelbar nach der Notlandung. Es tat derart weh, daß ich befürchtete, innere Verletzungen erlitten zu haben. Mein Brustkorb bekam nichts ab, er war durch den Rettungsschirm recht gut geschützt.

Ich half noch beim Abbau des Fluggerätes mit. Im Laufe der nächsten drei Stunden stellte sich zur Übelkeit auch noch Schüttelfrost ein. Mein Freund Peter rief daraufhin die Rettung. Die folgende Nacht verbrachte ich im Spital in Friesach wo alle halben Stunden kontrolliert wurde, ob die Verhältnisse von Blutdruck, Pupillenreaktion und Puls in einem normalen Bereich lagen. Eine, unmittelbar nach meiner Einlieferung durchgeführte Rundumkontrolle (Röntgen des Kopfes, Ultraschall des Bauchs und der diversen Innereien sowie Auffrischung des Tetanusschutzes) zeigten, daß ich keine Dauerschäden erlitten habe.

Ich hatte jetzt zwei Optionen zur Auswahl:
a) Aus dem erlebten lernen, mindestens drei mal pro Woche fliegen, und ein guter Flieger werden.
b) Meine Karriere als Drachenflieger zu beenden und meine Zeit mehr meiner Familie zu widmen.
Andere Möglichkeiten gab es nicht, denn zu glauben, daß man sicher fliegen kann, ohne es permanent auszuüben, währe auf kurz oder lang tötlich.

Das Umfeld der Stelle meiner Notlandung sah etwa wie folgt aus: 5 Meter daneben befand sich ein Stacheldraht, der im Falle eines Kontakt nicht nachgibt. Hinter dem Stacheldraht war ein etwa 15 Meter breiter Streifen frisch geschlagener Bäume. Wäre ich dort runtergekommen, hätte der harte Aufprall wahrscheinlich mein Genick gebrochen. Danach kamen hohe Bäume, die lediglich eine Baumlandung zugelassen hätten. Als Paragleiter wäre das vielleicht die bessere Option gewesen, aber mit einem steifen Flügel will ich gar nicht daran denken, wie das funktionieren hätte sollen.

Da ich aus beruflichen Gründen wenig Zeit für die Fliegerei aufbringen konnte, weiters die Fliegerei ein Sache ist, die man alleine ausübt, die Familie dabei auf jeden Fall viel zu kurz kommt, habe ich beschlossen, dieses Kapitel meines Lebens zu beschließen und mich oft an die wunderbaren, beglückenden Momente meiner Höhenflüge zu erinnern.