Der Ausflug
Erlebnisse vom Abheben und Zurückkommen
von Manfred R. Siegl
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Die Faszination des Fliegens einerseits -
die Erde ein klein wenig verlassen zu können und in Bereiche
vorzudringen, in denen man einen Hauch von Pioniergeist erfährt -
aber auch der Wunsch,
sich von den vielen Mitmenschen herauszuheben und ein bisserl etwas besonderes zu sein, waren die Triebfeder für die im folgenden beschriebenen
Erlebnisse. |
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Der erste Hüpfer
Es war irgendwann Anfang der 80-er Jahre, da lud mich mein Studienkollege
Rudi zu einem Ausflug zum Ötscher ein.
Wir besuchten dort Fred Danneberg, der abgesehen von Schafzucht, eine
Hägegleiterschule betrieb.
Nach einer kurzen theoretischen Einleitung hatten wir die
Möglichkeit, auf der Übungswiese ein paar Schnupperhüpfer
zu machen.
Die dabei zur Verfügung stehenden Fluggeräte waren schon für
die damalige Zeit recht alt, aber für Schnupperhüpfer sollte
es reichen. Nach einer kurzen Aufwärmrunde schleppte ich den
Drachen den Übungshang hinauf. Nach einer Verschnaufpause bereitete ich mich
auf den nächsten Versuch vor -
Gurtzeug kontrollieren, im Drachen ordentlich einhägen,
Helm aufsetzen, in Position stellen.
Dann ging es los. Ich lief so schnell ich konnte mit dem schweren
Drachen in den Händen den Hang hinunter. Irgendwann konnte ich nicht
mehr schneller und überließ mich dem Drachen. Das bedeutete,
daß ich mehr auf den Rädern als durch die Tragfläche
gehoben, die Wiese hinunterfuhr.
Das ging so - beinahe den ganzen Nachmittag.
Doch dann, gelang es mir einmal
doch abzuheben. Ich habe keine Ahnung mehr, was ich anders machte.
Man läuft und plötzlich sackt der Boden unter den Füssen weg.
Nicht etwa, daß man abhebt, nein, der Boden sackt nach unten weg.
Ohne so richtig damit zu rechnen
(die ganze Zeit rollte ich nur den Hang hinunter)
hatte ich plötzlich 5 Meter Luft unter meinen Füssen.
Ich verhielt mich natürlich total falsch
und drückte den Bügel; anstatt durch leichtes Ziehen die notwendige
Geschwindigkeit für eine saubere Strömung
um die Tragfläche herum zu erhalten.
Dadurch riß die Strömung ab und ich nickte nach vorne unten.
Wieder landete ich rollend auf den Rädern.
Dieses Erlebnis, daß die Erde einfach wegsackt war
sehr ergreifend und ich erinnere mich noch heute sehr genau an diesen
einen Augenblick, an dem ich der Erde das erste Mal entflohen bin.
An diesem Frühlingstag nahm ich mir vor, im folgenden Sommer
diesen Sport zu erlernen. Dazu kam es nicht. Rudi machte damals die
notwendigen Schulungen und Prüfungen und übte die Fliegerei
lange aus.
Die Entscheidung
Viele Jahre nach dem ersten Kontakt mit einem Drachen - ich war in
der Zwischenzeit verheiratet, hatte mein Diplom-Studium erfolgreich
abgeschlossen und auch der Kontakt zu Rudi war schon seit Jahren
verlaufen,
lenkte der Zufall neuerlich mein Interesse auf die Drachenfliegerei.
Es war auf der Ferienmesse im Februar, als wir, meine Frau und ich,
an zwei Ständen vorbeikamen, wo Flugsport angepriesen wurde.
Es wurde bei einem Paragleiten,
beim anderen Hängegleiten als das einzig Wahre hervorgehoben.
Para- oder Hängegleiten? Das ist hier die Frage.
Mit Hilfe verschiedener Fachzeitschriften zum Thema versuchte ich
mir ein Bild von diesen beiden Flugarten zu machen.
Dabei mußte ich sehr rasch feststellen, daß jede der
Flugarten Vor- und Nachteile hat.
- Paragleiten
- Transport des Fluggeräts ist wesentlich einfacher.
Eine Bahnfahrt stellt kein Problem dar.
- Bei schwachen Aufwinden bessere Eigenschaften
- Bei Turbulenzen kann es zum "Einklappen" der Kappe kommen,
die unter Umständen nicht rechtzeitig wieder aufgehen.
Das ist besonder beim Landeanflug - in Bodennähe gefährlich.
- Der Geschwindigkeitsbereich ist relativ niedrig. Wenn während
des Fluges der Wind auffrischt, so kann es passieren, daß
der Paragleiter nicht mehr schnell genug gegen den Wind fliegen kann,
und so bezogen auf den Boden (bzw. die Felswand hinter ihm)
trotz voller Vorwärtsfahrt rückwärts fliegt;
und es kann nichts dagegen unternommen werden.
Es darf einfach nicht zu einer solchen Situation kommen -
lange vorher muß bereits gelandet werden.
- Hängegleiten
- Der Transport ist deutlich kompizierter, da auf jeden Fall ein
Auto erforderlich ist.
- Das Gewicht des Fluggeräts ist mit etwa 30kg nicht dafür
ausgelegt, längere Wanderungen zu unternehmen.
- Da die Fluggeschwindigkeit zwischen 35km/h und 110km/h liegt,
sind auch leicht auffrischende Winde kein Problem.
- Aufgrund des festen Aluminiumgestells, das den Rahmen des Flügels
darstellt, ist der tragende Teil positiv und negativ belastbar;
ein Einklappen kann aus konstuktiven Gründen nicht passieren.
- Beim Landeanflug sind ebenfalls Geschwindigkeiten von 35 bis 40 km/h
gegeben. Im Falle einer Kollision ist wesenlich mehr Energie abzubauen,
als dies bei einer Landung mit einem Paragleiter notwendig ist.
- Wenn es aber zu einer Kollision kommt, so kann das Alu-Gestell von dieser Energie viel aufnehmen, das bedeutet, daß diese Energie nicht durch den Piloten aufgenommen werden muß.
Obwohl das Hängegleiten ursprünglich einen aggressiven Eindruck auf mich machte und
das Paragleiten so majestätisch wirkte,
kam ich zu dem Schluß, daß die Gefahren beim Hängegleiten
wesentlich geringer sind. Deshalb entschloß ich mich,
einen Kurs zu besuchen, um Hängegleiten zu erlernen.
Der große Lauf
Von einer universitätsnahen Sportorganisation wurde ein Kurs bei
Wolfgang Zach auf der Hohen Wand (Nähe Wiener Neustadt) vermittelt.
Ich meldete mich an und,
als die Zeit gekommen war, machte ich, unter Anleitung von Daniel
Krulik, meine ersten Laufübungen mit einem Hängegleiter.
Die Lernphase dauerte relativ lang, da die Windverhältnisse
während des Kurses sehr häufig nicht geeignet waren.
Nach mehr als einem Monat hatte ich am Übungshang genug Erfahrung
gesammelt, um meinen ersten Höhenflug absolvieren zu können.
Es war ein Freitag Vormittag, als das Wetter einen Schulungsflug zuließ.
Auf der Hohen Wand, dort fand die Aktion statt, gibt es zwei mögliche
Startplätze.
Der Osthang ist eine etwa 45 Grad steile lange Wiese,
von Bäumen eingesäumt;
dem Südplatz folgt auf einen kurzen Anlauf eine etwa 300m tiefe Klippe.
Wolfgang Zach, der Fluglehrer, stelle es mir frei, welchen
Startplatz ich nehmen will.
Er gab mir noch die Hinweise, daß der Ostplatz relativ flach ist
und ich dort ordentlich laufen muß, wo hingegen der Südplatz
eine Nervensache ist.
Da ich kein besonders guter Läufer bin, wählte ich den Südplatz.
Ich dachte mir, das mit der Nervensache wird schon nicht so schlimm sein.
Als ich dann, nach dem Aufbau und dem Kontrollieren des Fluggeräts,
fertig am Startplatz stand, bekam ich, als die Windverhältnisse
meinen Start zuließen, die Anweisung (ab hier beginnt die Sache mit den Nerven):
- "Es paßt alles, du kannst jetzt (über die Klippe) rausrennen."
- " -- Meinst du wirklich?"
- "Wenn du dich nicht traust, dann dreh' dich um, pack' zusammen
und fahr' wieder nach Haus."
Das konnte ich vor mir und der Welt, aber vornehmlich vor mir selbst, nicht machen.
Also nahm ich den Hängegleiter in die Hand,
balancierte ihn nach Anweisung von Wolgang Zach aus und
nach seinem OK rannte ich los.
Mit einem Schlag kehrte sich die Welt um. Nicht mehr der Drache
war jetzt schwer, sondern ich. Nicht mehr ich hielt den Drachen
in den Händen, sondern der Drache trug mich.
Und mit einem Schlag war kein Boden mehr unter meinen Füssen.
Nur noch sehr, sehr viel Luft.
Für meinen damaligen Geschmack fast ein bisserl zu viel Luft.

Ich hatte zwar versucht, mich mental ein wenig darauf vorzubereiten,
in dem ich mir sagte, ich werde nicht über dem Boden sein, sondern
in der Luft; und da spielt der mehr oder weniger große Abstand
zum Boden eine untergeordnete Rolle, doch unmittelbar nach dem Start,
wenn man dann wirklich in der Luft ist, hatte ich doch ein
klein wenig Sehnsucht nach dem Boden.
Ich hörte mich ganz zaghaft sagen:
"I' wü' do obe."
Glücklicherweise hatte ich nur einen Funkempfänger mit,
sodaß ich zwar alle Anweisungen von Wolfgang Zach hörte,
er aber mich nicht hören konnte.
Damals wäre mir obige Aussage ein bisserl peinlich gewesen.
Wolfgang Zach gab genaue und gute Anweisungen, wenn gleich ich
ein paar Probleme mit der Umsetzung hatte. So sollte ich z.B. eine
Linkskurve einleiten. Dazu ist u.A. der Körperschwerpunkt
nach links zu versetzen. Ich drehte also meinen Oberkörper
nach links - und wie von selbst drehten sich meine Beine nach rechts.
Damit kam es natürlich nicht zur gewünschten Schwerpunktsverlagerung.
Nach einer passend deftigen Meldung von Wolfgang erkannte ich meinen
Fehler und beim zweiten Versuch klappte es dann wesentlich besser.
Vor ein schier unlösbares Problem stellte er mich allerdings,
als er mich anwies, von den (seitlichen) Trapezrohren auf die
Basis (unten) umzugreifen. Dazu muß man, wenn auch nur kurzfristig,
loslassen. Nach einmal kräftig durchatmen und mit Zähne
zusammenbeißen gelang mir aber dann auch das.
Nachdem ich den Anweisungen von Wolfgang Zach exakt folgte,
flog ich Linkskurve um Linkskurve; und so war auch die
Landung kein großartiges Problem. Kurz vor dem Bodenkontakt
war noch eine Straße zu überfliegen, an deren Rand ein Hase saß,
der schaute mich groß an. Normalerweise sehe ich wilde Hasen
nicht aus 8 Meter Höhe.
Ein Sonnenuntergang von oben
Es war der 7 Höhenflug, als der Wind vom Südosten mit etwa 15
bis 20 km/h gegen die Hohe Wand bließ.
Ich hatte bereits einen eigenen Drachen gekauft und mich mit ihm
ein wenig angefreundet. Er bekam den Namen Petaludi.
Das ist aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet Schmetterling.
Ich startete am Abend, als der Wind nicht mehr zu stark und böig
war, aber dennoch kräftig genug, daß ich mit meinem hohem
Gewicht (damals hatte ich etwa 100 kg) genug Aufwind erfuhr und nicht
nach 5 Minuten Gleitflug am Landeplatz in der Neuen Welt am Fuße der Hohen Wand,
etwa 450m tiefer, wieder Boden unter den Füßen hatte.
Damals besaß ich noch kein Variometer, das mir sagen hätte
können, ob ich steige oder sinke. Die Bedingungen waren aber
so gut, daß ich auch ohne dieses Hilfmittel Höhe halten konnte.
Heute halte ich jede Fliegerei ohne Variometer für sinnlos,
da keinerlei vernünftige Grundlage für Entscheidungen vorliegt.
Da es schon Abend war, ging auch die Sonne langsam unter. Aufgrund der
Startüberhöung von vermutlich 150 Meter konnte ich den
herrlichsten Sonnenuntergang genießen, den ich je erlebt habe.
Dabei spielte sicherlich das Faktum, den Sonnenuntergang
während meines Fluges bewundern zu können, eine wesentliche Rolle.
Als die Sonne schon vollständig am Horizont verschwunden war,
und die anderen Fliegerkameraden so nach und nach zur Landung
ins Tal flogen, bereitete auch ich mich auf das Ende dieses Fluges vor.
Die Landung war problemlos und verlief, wie die meisten meiner Landungen,
auf den Rädern.
Durch Radlandungen wird zwar der Gurtsack am Bauch und Brustkorb
schmutzig, aber auf einer halbwegs ebenen Wiese ist es die ungefährlichste
Art, einen Flug abzuschließen.
Am Ende eines abendlichen Flugs ergab sich häufig auf der Landewiese
eine sehr schöne Stimmung. Nicht nur, daß meist ein
sehr hübscher Abendhimmel das Auge erfreute,
es stellte sich häufig auch ein Glücksgefühl ein,
das ich in dieser Form kaum sonst erlebt habe.
Es scheint eine Mischung aus Zufriedenheit über einen schönen
Flug und einer geglückten Landung gewesen zu sein.
Weiters, so vermute ich, spielt auch die Entspannung eine wichtige Rolle,
die sich einstellt, nachdem ich während des Fluges eine halbe
oder ganze Stunde voll konzentiert war und keinen Augenblick
unaufmerksam war - nicht sein durfte - und nach der Landung mich
absolut entspannt einfach ins Gras legen und die Seele baumeln
lassen konnte.
Eine ganz tiefe Entspannung gelingt nur, wenn es zuvor eine
hohe Anspannung gibt.
Starker Wind beim Landen
Der Wind war kräftig und nicht böig.
Es war auch für mich möglich, lange in der Luft zu bleiben.
Es war ein wunderbarer Sonnenuntergang, wie man ihn in Wien und
Umgebung sonst nicht sehen kann.
Als die Sonnenscheibe unter dem Horizont verschwunden war,
setzte die Dämmerung ein. Nach und nach flogen die
anderen Drachen ins Tal um zu landen.
Es waren mehr als ein Duzend Drachen in der Luft und daher galt es sich
für die Landung 'anzustellen'.
Von oben sah ich, wie ein anderer Drache kurz vor der Landung
noch einen vollen Kreis flog.
Dabei wurde er durch den stärker gewordenen Wind derart viel
abgetragen, sodaß er die Landewiese gerade noch erreichte.
Es waren aber nur wenige Meter zwischen seinem Landepunkt und der
Straße mit dem Straßengraben.
Ich dachte mir, einen derart weiten Kreis will ich nicht fliegen,
damit es bei mir nicht auch so knapp wird.
Mein letzter Kreis sollte daher wesentlich enger sein.
Allerdings hatte ich dabei nicht bedacht, daß ein jeder
Vollkreis einfach seine Höhe kostet.
Wenn man im weiten Bogen fliegt, dann wird man weiter abgetragen,
bei einem engeren Kreis, wird die Höhe dafür viel schneller
abgebaut.
Der Baum, den ich bei der Landeeinteilung
so gerne als Anhaltspunkt verwendete,
wurde bei dem von mir geflogenen Vollkreis derart rasant größer,
daß es mir durch den Kopf schoß: "Jetzt ist es aus."
Glücklicherweise war es nicht aus und eine Außenlandung
auf dem unmittelbar neben dem Baum befindichen Feld beendete den Flug.
Es war, wie bei mit üblich, eine Radlandung.
Meine Rechnung ging nicht auf,
dafür war ich um eine Erfahrung reicher.
Der Klaviertag
Dieser Teil der Geschichte ist erst in Aufbearbeitung
und wird daher später nachgereicht.
Vorweg nur so viel: Ein Klaviertag ist ein Tag, an dem der
Aufwind derart kräftig ist, daß ein Klavier,
das man in 1000 Meter Höhe schleppt (mit dem Schleppflugzeug)
und ausläßt, alleine weiter fliegt und oben bleibt.
Die Begegnung
Wir besuchten meine Onkel im Ybbstal. Das Hochkar ist nicht weit
von seinem Haus.
Am Vormittag wollte ich einen Flug von einem Übungshang in
der Nähe absolvieren. Leider begann es leicht zu regnen und ich
mußte mein Vorhaben abblasen.
Am Nachmittag besserte sich das Wetter und ich beschloß,
vom Hochkar zu starten.
Nach dem ich mir die Landewiese angesehen hatte (dort gab es
einen Windsack von einer Größe, wie ich mir Windsäcke auf allen
Landeplätzen gewünscht hätte), fuhren wir zum Startplatz.
Außer uns, einem Fahrer, meine Frau und mir, war niemand anwesend.
Der Wind kam vom Süden und war etwas heftiger, als ich
es mir gewunschen hätte.
Außerdem blies der Wind den Nebel aus dem Tal herauf und
auf den ersten Blick war die Sicht eher bescheiden.
Nach genauerer Beobachtung bemerkte ich aber,
daß, wenn der Nebel ein ganz klein wenig aufriß,
ich bis zum relativ weit entfernten Berg auf der gegenüberliegenden
Seite der Enns sehen konnte. Ich schloß, daß der
Nebel ein sehr lokales Phänomen ist und sehr wahrscheinlich
ein bisserl weiter draußen herrliches Wetter
sein muß, so wie es im Tal bei der Landewiese auch der Fall war.
Es war nur mit zwei Helfern möglich zu starten.
Nach nicht einmal zwei Schritten hob ich ab und gleitete hinaus.
Gleich nach dem Überfliegen des ersten Bergrückens
befand ich mich im herrlichstem Wetter; kein Nebel, kein starker Wind
nur noch wunderbarer Sonnenschein.
Da ich das Gelände nicht kannte, versuchte ich ohne irgendwelche
Umwege, die Landewiese zu finden. Sie ist vom Start aus nicht
zu sehen und man muß einige Bergrücken überfliegen,
bis man sie erreicht hat.
Plötzlich sah ich, wie ein Bussard auf mich zukommt.
Leicht links von mir kommt der unscheinbare Punkt unaufhörlich
näher und zwei scharfe Augen mustern mich.
Er mit leichtem Steigen, kein Flügelschlag,
ich mit leichtem Sinken, ebenfalls kein Flügelschlag -
begegnen sich zwei Wesen aus unterschiedlichen Welten in etwa 600
Meter Höhe über meinem späteren Landeplatz.
Bei der Landung probierte ich eine Methode aus, die, so wurde mir
erzählt, von Wolfgang Zach verwendet wird.
Um Höhe abzubauen ging er in einen extremen Langsamflug über
und nahm dann, kurz vor dem Stall (Strömungsabriß)
wieder Fahrt auf. Dadurch wird auf relativ kurzer Strecke
Höhe abgebaut.
Die Landewiese ist wirklich derart groß daß es nicht
möglich ist, nicht auf ihr zu landen.
Es war dies mein erster Flug in einem fremden Fluggebiet.
Ein sehr spannender und sehr schöner Flug.
Oben bleiben
Die erste Top-Landung
0,1 m/s
Trotzdem ich bereits deutlich unterhalb der Kante war, gelang es mir
noch 90m Startüberhöung zu erreichen und den Flug nach 45 Minuten
mit einer Toplandung abzuschließen.
Auf diesen Flug war und bin ich sehr stolz.
Die letzte Landung - Der Schlußpunkt
Es war Kaiserwetter.
Eine Tagung Ende April 1998 in Leoben nahm ich zum Anlaß
um meinen Arbeitskollegen und Freund Peter in dessen Heimatort
Mühlen in der Obersteiermark,
am Fuße des Zirbitzkogels, zu besuchen.
Das verlängerte Wochenende sollte seinen Höhepunkt mit
einem Flug an diesem Berg erhalten.
Aus Berichten wußte ich, daß unterhalb der Tonnerhütte
in 1650 Meter Seehöhe ein für Hängegleiter geeigneter
Startplatz ist. Von dort wollte ich ins Tal nach Mühlen gleiten.
Vormittags nahm mich Peter auf einen Flug mit dem
Motorsegler mit. Dabei schauten wir uns das Fluggebiet für den
Hängegleiterflug am Nachmittag an. Es war ein 25-minütiger
Rundflug von Friesach zum Zirbitzkogel und retour.
Wie üblich bei Motorsegelflügen, war mir nach 20 Minuten
schlecht. Aber da war der Flug glücklicherweise beinahe schon zu Ende.
Am frühen Nachmittag fuhren wir dann nach Mühlen um einen
geeigneten Landeplatz zu finden. Die sehr grosse Wiese neben dem Sportplatz
schien sehr geeignet.
Von dort ging es dann weiter zur Tonnerhütte.
Der Wind war relativ stark. Das störte mich nicht, im Gegenteil,
ich vermutete, daß die Flugdauer dadurch länger werden
könnte.
Der Aufbau des Flugdrachens verlief problemlos.
Dann ging ich zum ausgewählten Startplatz.
Nach kurzer Besinnung und Verschnaufpause, startete ich.
Ich mußte relativ lange anlaufen und als ich abhob,
ging es relativ lange nahe dem Boden entlang dahin.
Dann erfaßte mich ein dynamischer Aufwind und trug mich hoch hinauf.
Ich erreichte dabei annähernd wieder Starthöhe.
Bei diesem Ansteigen verlor ich allerdings so viel an Geschwindigkeit,
daß es zu einem Strömungsabriß kam.
Die Nase senkte sich und ich nahm rasch hohe Fahrt auf. Allerdings
blies mich in dieser Phase der Wind, von mir unkontrollierbar
dort hin wohin er wehte.
Durch den Höhenverlust sah ich mich auf einmal mit dem Problem konfrontiert,
einer Unzahl an hohen Bäumen auszuweichen.
Die standen in jener Gegend herum, in die ich eigentlich nicht wollte,
auf die ich mich aber gerade sehr schnell zubewegte..
Ich hatte die Optionen, entweder zwischen diesen Bäumen irgendwie
hindurchzufliegen oder auf einer Wiese, mit etwa 45 Grad Neigung,
eine Notlandung zu versuchen.
Ich entschied mich für die Notlandung. Wenn beim knappen Vorbeiflug
beziehungsweise beim knappen Überflug der Bäume nicht alles
genau so verläuft, wie ich es mir wünsche, und der
Wind war augenblicklich für mich nicht wirklich genau einschätzbar,
so würde ich wahrscheinlich nach einem Baumkontakt während
des Fluges aus vielleicht 30 oder 40 Meter Höhe
geradeaus runterfallen. Das Risiko war mir zu hoch. Aus mehreren
Erzählungen war mir bekannt, daß Piloten nach einer
Baumlandung dadurch ums Leben kamen, weil sie danach einfach runterfielen.
Also in Richtung Hang.
Bei Rückenwind und daher viel zu schnell kam der Boden
näher und ich versuchte rechtzeitig die Nase raufzustellen,
um die Geschwindigkeit abzubauen.
Das gelang mir nur zum Teil und ein eher harter Aufschlag beendete
das Abenteuer.
Mein Freund Peter berichtet, daß der Zeipunkt des Bodenkontakts
deutlich zu hören war.
Bei dem Crash verbogen sich beide Trapezrohre um einen Winkel von mehr
als 90 Grad.
Ich hatte einen qualitativ sehr guten Helm mit Kinnschutz und eine
Sportbille aus Kunststoff (kein Metall und kein Glas) auf.
Beidem schreibe ich zu, daß ich abgesehen von einigen Prellungen
und einer Gehirnerschütterung keine weiteren Schäden erlitten habe.
Dadurch, daß sich die Trapezrohre derart stark verbogen hatten,
glücklicherweise waren sie nicht gebrochen, denn scharfen
Bruchkanten können sehr schwere Verletzungen verursachen,
war es möglich, daß es mir das rechte Landerad in den
Magen schlug.
Die Kopfschmerzen aufgrund der Gehirnerschütterung waren nicht
so stark, hielten dafür etwa 2 Wochen an, als die Bauchschmerzen
unmittelbar nach der Notlandung. Es tat derart weh, daß ich
befürchtete, innere Verletzungen erlitten zu haben.
Mein Brustkorb bekam nichts ab, er war durch den Rettungsschirm
recht gut geschützt.
Ich half noch beim Abbau des Fluggerätes mit. Im Laufe der
nächsten drei Stunden stellte sich zur Übelkeit auch noch
Schüttelfrost ein. Mein Freund Peter rief daraufhin die Rettung.
Die folgende Nacht verbrachte ich im Spital in Friesach
wo alle halben Stunden kontrolliert wurde,
ob die Verhältnisse von Blutdruck, Pupillenreaktion und
Puls in einem normalen Bereich lagen.
Eine, unmittelbar nach meiner Einlieferung durchgeführte
Rundumkontrolle (Röntgen des Kopfes, Ultraschall des Bauchs und
der diversen Innereien sowie Auffrischung des Tetanusschutzes)
zeigten, daß ich keine Dauerschäden erlitten habe.
Ich hatte jetzt zwei Optionen zur Auswahl:
- a) Aus dem erlebten lernen, mindestens drei mal pro Woche fliegen,
und ein guter Flieger werden.
- b) Meine Karriere als Drachenflieger zu beenden und meine Zeit mehr
meiner Familie zu widmen.
Andere Möglichkeiten gab es nicht, denn zu glauben, daß
man sicher fliegen kann, ohne es permanent auszuüben, währe
auf kurz oder lang tötlich.
Das Umfeld der Stelle meiner Notlandung sah etwa wie folgt aus:
5 Meter daneben befand sich ein Stacheldraht, der im Falle eines
Kontakt nicht nachgibt. Hinter dem Stacheldraht
war ein etwa 15 Meter breiter Streifen frisch geschlagener Bäume.
Wäre ich dort runtergekommen, hätte der harte Aufprall
wahrscheinlich mein Genick gebrochen. Danach kamen hohe Bäume,
die lediglich eine Baumlandung zugelassen hätten.
Als Paragleiter wäre das vielleicht die bessere Option gewesen,
aber mit einem steifen Flügel will ich gar nicht daran denken,
wie das funktionieren hätte sollen.
Da ich aus beruflichen Gründen wenig Zeit für die
Fliegerei aufbringen konnte, weiters die Fliegerei ein Sache ist,
die man alleine ausübt,
die Familie dabei auf jeden Fall viel zu kurz kommt,
habe ich beschlossen, dieses Kapitel meines Lebens zu beschließen
und mich oft an die wunderbaren, beglückenden Momente
meiner Höhenflüge zu erinnern.